Kaffeehauskultur in Europa – zelebrierte Muße und stilvolles Genießen
Der Kaffee etablierte sich zuerst in der arabischen Welt als beliebtes Heißgetränk. Seit dem Import des Kaffees im Jahr 1647, wurde das Kaffeetrinken in Europa zu einer richtigen Kaffeehauskultur weiterentwickelt. Die anregende Wirkung des Kaffees (Coffea Arabica) geht auf das in den Bohnen des afrikanischen Kaffeestrauches (Rubiaceae) enthaltene Coffein zurück. Seit dem Jahr 1700 wurde in den englischen Kaffeehäusern auch Tee serviert. Mit Tee wurde aber, im Gegensatz zur aufmunternden Wirkung des Kaffees, eher Erholung und Beruhigung assoziiert. Wenn sich auch oft die Lebenseinstellung von Kaffee- und Teetrinkern unterscheidet, gemeinsam ist beiden die Freude am Genuss. Bei dem Begriff Kaffeehaus wird zunächst meist an die Wiener Kaffeehauskultur gedacht, bei der sich Literatur und anregende Gespräche auf befruchtende Weise mischen. Die Kaffeehauskultur und die Zubereitungsarten von Kaffee (und Tee) besitzen in vielen europäischen Städten, wie z.B. in Paris,London, Madrid, Berlin, Prag, Mailand und Lissabon eine faszinierende Vielfalt. Es spiegelt sich darin das besondere Lebensgefühl verschiedener Nationen und Personen wieder.
Mythos Kaffeehaus – Genießen in öffentlicher Privatheit
Parallel zum Kaffeeimport im 17.Jahrhundert kamen in Europa die ersten Kaffeehäuser in Mode. Sie bildeten eine gewisse Konkurrenz zu den bestehenden Gaststätten. Das erste Café in Wien wurde im Jahr 1685 eröffnet. Typisch für das „stille Wiener Modell“ ist die Vielzahl an internationalen und nationalen Zeitungen und seine Funktion als Informationsbörse und Umschlagplatz für Ideen. Die Kaffeehauskultur nach dem „Pariser Modell“ ist stärker von Hintergrundmusik und Vertretern der bildenden Kunst sowie von Romantik bestimmt. Die Prager Kaffeehauskultur lebt von dem Zusammenkommen verschiedener Kulturen und Nationalitäten. In vielen Großstädten ist das Kaffee(tee)haus, ein idealer Ort, um sich für eine gewisse Zeit von der Hektik des Geschäftslebens zurückziehen zu können. Die Kaffeehausrunde ist auch in Spanien (tertulia) und in Griechenland (Kafenion) bekannt. In Italien ist die Kaffeehauskultur überwiegend eine Espresso-Kultur, die oft von unüberhörbarem Gedankenaustausch begleitet wird.
Tee – ein wesentlicher Bestandteil des britischen Lebensgefühls
Die englische Tradition, in den Kaffeehäusern auch Tee auszuschenken, wurde von zahlreichen europäischen Kaffeehäusern übernommen. Zu Beginn des 17.Jahrhunderts wurde der teure Tee zum Statussymbol. Heute ist der Tee wie auch der Kaffee Bestandteil der europäischen Alltagskultur. Tee im engeren Sinne bezeichnet den Aufguss der Teepflanze Camellia sinensis (früher Thea sinensis). Eine weltweit bekannte Form des Teetrinkens stellt der englische „Five o Clock Tea“ dar. Die mit dem Tee verbundene Entspannung wurde zum geflügelten Ausspruch „ Abwarten und Teetrinken“. In China existiert eine Teehaus-Tradition, die sich mit der europäischen Kaffeehauskultur vergleichen lässt. Menschen treffen sich bei der ruhigen Teezeremonie, um sich zu unterhalten und sich zu entspannen. Berühmte Teehäuser gibt es in London und Paris. Eine etwas skurrilere Variante ist das sizilianische „Casa de tè“ in Raddusa am Fuße des Ätna.
Hohe Kaffeekultur und fantasievolle Namen der Kaffeezubereitung
Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee hat auf viele Europäer jeden Alters eine magische Wirkung und das Kaffeetrinken wurde zu einem beliebtem Ritual. Der Kaffee wird in Österreich in mehr als vierzig Verfeinerungen serviert. Die Bezeichnung „Kaffee verkehrt“ bedeutet, dass sich in der Tasse mehr Milch als Kaffee befindet. Der “Kapuziner“ ist ein großer schwarzer Kaffee, mit etwas warmer Milch oder Schlagsahne ergänzt. Das besondere am „Einspänner“ ist, dass der Mokka in einem dickwandigen Glas mit Sahne und Puderzucker serviert wird.
Spanien – erstaunliche Kreativität bei der Erfindung von Kaffeenamen
In Spanien spielt bei den Bezeichnungen der Kaffeevariationen die Regionalität eine große Rolle. Beim beliebten „Café cortado“ handelt es sich um einen starken Kaffee, dem etwas heiße Milch zugefügt wird. In der Region Katalonien heißt der Café cortado „tallat“ und in Andalusien „cortao“. In Portugal bestellt man ihn als „pingo“ oder „pingado“, in Lissabon als „garoto“. Oft getrunken wird auch starker Kaffee (Café solo) und Milchcafé (Café con leche), gerne preisgünstig am Tresen. In Spanien übernimmt der Kaffee eine überbrückende Wirkung von der Siesta bis zum frühen Abend. Noch erfrischender ist der „Café con hielo“ (Kaffee mit Eis).
Verbunden mit dem Savoir vivre der Franzosen – der romantische Kaffeegenuß
Ohne die berühmte Tasse Kaffee hätten sich auch in Frankreich viele Paare nicht gefunden. Der Milchcafé (Café au lait) in den großen Tassen ohne Henkel bildet, meist zusammen mit dem Croissant, das Frühstück. Am Nachmittag trinken die Franzosen ihren Kaffee in der Regel schwarz (Café noir). Café Crème ist die Bezeichnung für einen Espresso mit Milchschaum.
Starke Kaffeevariationen in den Kafenions
Die Griechen sind Anhänger eines starken Kaffees und einer Kaffeehauskultur mit Tradition. Gern getrunken wird der starke griechische Mokka „Ellinikós“. Das Kaffeepulver wird zusammen mit dem Zucker erhitzt. Die eisgekühlte Version dieses Mokkas wird „Freddo“ genannt. Immer beliebter werden auch Café latte und Cappuccino. In vielen Kulturen ist das gemeinsame Kaffeetrinken Ausdruck der Gastfreundschaft.
Italien – das Land mit einer Espresso-Kultur
Innerhalb von Europa wird in Italien am meisten Kaffee getrunken. Für eine gemütliche Kaffeehausatmosphäre sind aber die meisten Italiener zu quirlig. Sie genießen den Espresso zu unzähligen Gelegenheiten in Bars sowie auf den schönen Plätzen in zahlreichen italienischen Städten wie z.B. Mailand, Triest, Turin, Venedig, Rom und Neapel. Das mit dem Espresso servierte Wasser wird vorab getrunken, um die Geschmacksknospen zu reinigen und somit den vollen Expresso-Geschmack genießen zu können. Der in ganz Europa beliebte Cappuccino ist für die Italiener eine Kaffeevariante zum Frühstück und wird selten nachmittags getrunken. Der „Lungo“ ist ein mit Wasser „gestreckter“ Espresso. Der „Café coretto“ ist mit einem Schuss Grappa oder einer ähnlichen Spirituose versehen.
Renaissance der Kaffee(tee)hauskultur
Einer Wiederbelebung der traditionellen Kaffeehauskultur erfreut sich derzeit Prag, Wien und Budapest. Im Gegensatz zu früheren Zeiten ist die Kaffeehauskultur nicht mehr rein männlich geprägt und das weibliche Kaffeetrinken wird nicht mehr karikaturistisch als „Kaffeeklatsch“ bezeichnet. Das Kaffee(tee)haus ist zu einem beliebten Treffpunkt von Einheimischen und Touristen geworden. Ein moderne Form der Kaffeehauskultur sind die „Cybercafés“ in denen sich Kaffeetrinken und Internetkommunikation verbinden. Der Schriftsteller Stefan Zweig bezeichnete das Café als „beste Bildungsstätte für alles Neue“, was immer noch gilt.